Jens Mattern Jens Mattern
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Ameisen und Fussball im Grenzgebiet
Gemeinsam richten Polen und die Ukraine im Juni die Fussball-Europameisterschaft aus. Doch die Schengen-Grenze zwischen ihnen bleibt ein Prüfstein.
Auf die Wartenden am Grenzübergang zwischen dem ukrainischen Scheginy und dem polnischen Medyka geht ein kräftiger Regenguss nieder. Sie stehen zwischen den hohen Zäunen vor dem polnischen Zollgebäude. Einige von ihnen ziehen ihre Kapuzen hoch, andere lassen den Schauer mit demselben Gleichmut an sich abtropfen, wie sie auch das Warten hinnehmen.

Es sind etwa 300 Menschen, in vier Gruppen geordnet. Die Vordersten drücken an ein Eisengatter, das sie von denjenigen trennt, die direkt vor der Drehtüre des Zolls anstehen. Jede Altersklasse ist vertreten, nur Kinder fehlen. «Manchmal warten wir über acht Stunden», sagt ein alter Mann mit schwarzer Schirmmütze. Doch sonst mag niemand Auskunft geben – auf Fragen erhält man nur Schweigen, böse Blicke oder verlegenes Lächeln zur Antwort.

Dieser Grenzübergang liegt sechzig Kilometer vom ukrainischen Austragungsort der Fussball-Europameisterschaft (EM) Lviv (Lemberg) entfernt. Dort werden drei Achtelfinalspiele stattfinden. Im Juni werden unzählige Fussballfans diese Grenze passieren. Dabei gilt es ein Dilemma zu lösen. Wie die Schweiz gehört auch Polen seit 2007 zum europäischen Schengen-Raum, in dem Grenzkontrollen zwischen den Ländern wegfallen. Seit seinem Beitritt wird Polen von Brüssel dazu angehalten, den Schengen-Raum nach Osten abzuschirmen. Doch dem Fussballfest soll diese Grenze kein Stein im Weg sein.

Mittlerweile bricht wieder die Sonne durch. Auf der anderen Seite des Zollhauses sind die Silhouetten der Zurückkehrenden zu sehen, die ihre Gepäckwagen mit gefragten Textilartikeln oder Fleischwaren nach Hause in die Ukraine karren. «Ameisen» nennt man sie auf beiden Seiten der Grenze.

Nach einer Stunde sind die letzten Wartenden im Zollgebäude verschwunden. Ein polnischer Grenzbeamter öffnet lässig das Gatter, und eine weitere Gruppe stürmt vor, drückt sich vor den Eingang mit der Drehtüre. «So sieht das jeden Tag aus», meint die Polin Ivonna, die nur ihren Vornamen nennen will und die sich als EU-Bürgerin bis zum Eisenzaun vordrängeln durfte. Zwischen zwei und acht Stunden Wartezeit muss man hier in Kauf nehmen – auf beiden Seiten der Grenze.
Ein grüner Korridor

Auf der polnischen Seite dominieren verrammelte Holzbuden das Landschaftsbild. Die Zeiten des grossen Grenzhandels sind vorbei. Die in der Nähe der Grenze lebenden UkrainerInnen dürfen nur eine Flasche Wodka und zwei Packungen Zigaretten mit über die Grenze nehmen. Etwa zwanzig HändlerInnen, ausnahmslos alte Menschen, stehen dennoch mit diesen Waren herum. «Für meine Enkel in Lviv», sagt eine Rentnerin. Damit verdient sie umgerechnet eineinhalb bis zweieinhalb Franken pro Tag. Eine polnische Witwe ist an die Grenze gekommen, um einen Bekannten zu treffen – für sie lohnt sich der Handel kaum noch, obwohl sie darauf angewiesen ist, da sie umgerechnet nur knapp 220 Franken Rente bekommt. Fussball ist für beide Frauen kein Thema.

Anders bei den Offiziellen. «Wir sind vorbereitet», sagt Major Robert Inglot, stellvertretender Kommandant des polnischen Grenzschutzes im neu errichteten Gebäude. Die Menschenmassen vor der Fussgängerabfertigung erklärt er mit einer Panne im Zentralcomputer in Warschau. Laut Inglot ist eine gemeinsame Kontrolle von Zoll und Grenzschutz beider Länder auf der polnischen Seite geplant. Auf einem «grünen Korridor», einem separaten Streifen, sollen die Fussballfans möglichst schnell abgefertigt werden. Der Schöpfer dieser Idee, Dominik Tracz, ist Kommandant des Grenzabschnitts bei Medyka und wurde kürzlich zum obersten Grenzbeamten des Landes befördert. Der Korridor habe noch eine andere Funktion, sagt Inglot. So könne man gewaltbereite Fans, die angesichts der Warterei die Nerven verlieren, dort sofort isolieren und gegebenenfalls verhaften. Auch dies trainiere man zusammen mit den ukrainischen Kräften.

Dennoch bleiben viele Fragen offen. Etwa die Frage, wie denn Fans zu erkennen seien. Eine Eintrittskarte könne da nicht reichen, denn viele Leute fahren nur zum Public Viewing, räumt Major Inglot selbst ein. Auch drohen den BeamtInnen zusätzliche Kontrollen – der monopolistische Europäische Fussballverband (Uefa) befürchtet, dass Raubkopien von Fanartikeln mit dem geschützten EM-Logo in Umlauf kommen. Auch darauf soll der polnische Zoll achten.

Im «Operatorroom» sitzen zwei Männer vom Zoll und schauen auf die von der EU mitfinanzierten Hightechmonitore, die Scanaufnahmen der Fahrzeuge liefern. Hauptsächlich Zigaretten würden von der Ukraine nach Polen geschmuggelt – Menschenhandel, so die GrenzbeamtInnen, sei hier kaum ein Thema. Später erzählt ein Taxifahrer, dass der polnische Grenzschutz fünf von sechs Bordellen in der Provinzstadt Przemysl, zwölf Kilometer von der Ukraine entfernt, kürzlich zugemacht habe. Dort seien Ukrainerinnen ohne Aufenthaltserlaubnis beschäftigt gewesen.
Imagegewinn

Auf der ukrainischen Seite scheint die Zeit ein wenig stehengeblieben zu sein. Einige GrenzwächterInnen in Tarnuniform fegen Unrat beiseite, der Seitenrand des Fussgängertrassees wird gerade weiss gestrichen. Ein riesiges Schild mit dem Logo der EM 2012 begrüsst die BesucherInnen.

Die Zoll- und Grenzschutzgebäude sind kleiner als auf der Schengen-Seite, und Oberleutnant Vitali Arnoldowitsch Hofnong trägt eine grossflächige Offiziersmütze, die an die Sowjetzeit erinnert. «Es wird ausreichend Sanitäts- und Informationspunkte geben», sagt Hofnong. Seit Anfang 2011 würden die ukrainischen BeamtInnen intensiv Englisch üben. Sie sorgten zudem für eine flotte Abwicklung und würden etwa zwanzig Sekunden pro Fussgänger und zwei bis drei Minuten pro Auto brauchen. Ein Seitenhieb in Richtung der polnischen KollegInnen.

Die Strasse, die durch das ukrainische Grenzdorf Scheginy nach Lviv und weiter führt, ist mit tiefen Schlaglöchern durchsetzt. «Wir erhielten die Anweisungen, dies zu ändern, aber kein Geld dafür», entschuldigt sich Stepan Jurijowitsch Paraska, Gemeindevorsteher von Scheginy. Im Ort ist mehr als die Hälfte der Erwerbsfähigen arbeitslos. Neben den Häuschen und der Kleinfelderwirtschaft erscheinen nur die hellblaue orthodoxe Kirche und das Restaurant Sbitlizja wohlhabend. Im rustikalen Lokal, wo neben dem Wolfsfell und dem Wildschweinkopf ein Flachbildschirm hängt, sollen die Fussballgäste ihren Durst und Hunger stillen können. Paraska stösst auf die anstehende EM an: «Das wird ein grosser Imagegewinn für die Ukraine und kann vielleicht auch unsere Region beleben.»

WOZ 17.05.2012

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Jens Mattern