Jens Mattern Jens Mattern
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Auf die harte Bustour
Gemeinsam richten Polen und die Ukraine im Juni die Fussball-Europameisterschaft aus. Doch die Schengen-Grenze zwischen ihnen bleibt ein Prüfstein.
Warschau: es ist kurz vor zehn Uhr morgens; über der Staatskanzlei und dem Lazienkipark lacht die Oktobersonne, der „Tuskbus” ist startbereit, die Medienvertreter und eine Schulklasse scharren bereits mit dem Hufen. Dann endlich, Donald Tusk, Premier, Wahlkämpfer und nach eigenen Angaben Polens einzige Alternative am 9. Oktober federt mit offenem Hemd an den Mikrofonständer.

Gerade einen Satz kann er sagen, schon springen Greenpeace-Aktivisten mit einem Transparent ins Bild und fordern saubere Luft statt Geldpolitik. Das Gesicht des Politikers bleibt entspannt, er lädt die Störer für einige Fahrtkilometer in seinen Tuskbus ein. Schließlich machen Spontanität sowie Gespräche mit Freund und Gegner seinen Wahlkampf aus.

Noch vor zwei Monaten suggerierten die Umfragen, dass die konservativ-liberale „Bürgerplattform” (PO) erstmals in der polnischen Geschichte eine zweite Parlamentswahl klar gewinnen werden.

Doch die fatale Lage der jungen Akademiker beschäftigte zunehmend die Medien, mittlerweile ist jeder dritte Universitätsabsolvent unter 27 Jahren ohne Arbeit. Die Unzufriedenheit konnte Jaroslaw Kaczynski, sein Opponent von der nationalkonservativen „Partei Recht und Gerechtigkeit” (PiS), ausnutzen. Der sonst konservative Hardliner präsentiert sich letztens als Anwalt der jungen Generation und zeigt sich in der Gesellschaft moderner, selbstbewusster Frauen auf High Heels.
Mittlerweile liegt Tusks „Bürgerplattform” in Umfragen mit rund 30 Prozent nur um einen Punkt vor der „Recht und Gerechtigkeit” des vormaligen Premiers Jaroslaw Kaczynski.

Der aus Danzig stammende Liberale entschloss sich darum, die Fernsehstudios gegen den direkten Kontakt mit den Wählern einzutauschen, seit dem 19. September tourt der Tuskbus mit der Aufschrift „machen wir mehr zusammen” durchs Land, gefolgt von einem „Medienbus” und vielen Übertragungswagen.

Nach Tusks kurzem Appell an die Vernunft, eine Partei zu wählen, die für stabile Verhältnisse sorgen könne, nach einem Fototermin mit den Schulkindern rollt der Tuskbus los. Es geht in den strukturschwachen Südosten des Landes, in die Wojewodschaft Lublin. Dort hat sein Rivale Jaroslaw Kaczynski mehr Stimmen, da er die wirtschaftsliberale Regierungspolitik für die dortige Armut verantwortlich machen kann. Anfangs steckt der Bus im Stau. Die immer noch sehr schlechte Infrastruktur ist ein klarer Schwachpunkt Polens, das Wahlmotto der Bürgerplattform heißt nicht umsonst „Polen im Bauprozess”.

In der Kleinstadt Ryki will Tusk eine Rede auf einem neuen Sportplatz halten, die lokalen Bürgerplattform-Mitglieder jubeln ihm im Partei-T-Shirt zu. Doch eine junge Frau mit Kinderwagen stellt ihn zur Rede – sie betreibe mit ihrem Mann eine Internetfirma, doch die Behörden legten ihrem Familienbetrieb nur Steine in den Weg, sie wisse nicht mehr weiter. Tusk hört konzentriert zu, die Situation ist ihm unangenehm. Verzweifelte Menschen hat er zwar auf seiner Reise schon öfters getroffen, ihnen auch die Tränen von der Wange gewischt. Doch diese Frau ist das Ideal einer „Bürgerplattform”-Wählerin: jung und unternehmerisch, jemand, der nicht vom Staat abhängig sein will und nun von Staatsdienern in ihrer Selbständigkeit gefährdet wird.
„Ich werde das prüfen” murmelt er.

Später, in der Provinzgroßstadt Lublin, empfangen ihn junge Leute:
etwa 50 Fußballultras, „Kibole” genannt, brüllen aus Leibeskräften Verwünschungen. Denn der Premier begegnet der Gewalt in den Stadien angesichts der anstehenden Europameisterschaft 2012 mit „Null Toleranz”-Gesetzen. Die radikalen Fans suchen ihn darum auf seiner Tour immer wieder auf. Kaczynski will diese als Wähler gewinnen.
Tusk steigt mit einem Lächeln aus dem Bus, würdigt sie keines Blicks, doch später im Studentenclub „Archiwum” wirkt er aufgebracht.

„Wenn die Demokratie in der PiS-Version so aussieht, dass die „Kibole” regieren, dann sei das kurz vor der Wahl gut zu wissen”, kontert er und erfährt Applaus.

Auch die versammelten Studenten sind vorwurfsvoll: viele können im strukturschwachen Lublin ihr Studium nicht mehr finanzieren, Stipendien sind kaum zu bekommen. Der 54-jährige predigt darauf den Glauben an sich selbst, den „American Dream”, wenn er auch den Begriff nicht gebraucht. Er habe es geschafft, in den schweren 80er Jahren seine Familie zu ernähren, musste als Akademiker Industrieschlote reinigen, die Wohnung maß 13 Quadratmeter, doch war es die „schönste Zeit”.

Der Tuskbus fährt weiter übers Land, an Feldern vorbei, wo Bauern ihr Unkraut verbrennen; der Rauch leuchtet in der Abendsonne. Im Pressebus wird das Schreiben fast unmöglich, so sehr schlägt die schlechte Straße durch.

„Polen B” wird der Osten des Landes genannt, als Abstufung zum besser entwickelten Westen, „Polen A”.
Der Danziger wehrt sich gegen diese polnische Teilung, den Lubliner Studenten, die ihn ironisch in „Polen B” willkommen hießen, warf er vor, unnötige Komplexe zu haben. Überall in Polen gebe es Beispiele für eine gute Entwicklung. Die nächste Station ist darum Mielec im Vorkarpatenland, dort werden die legendären Hubschrauber „Black Hawks” gefertigt, die amerikanische „Sikorsky Aircraft Company” hat die polnische Luftfahrtmanufaktur 2007 übernommen.

Hier trifft Tusk allein auf zufriedene Menschen im blauen Anton, nur als die pöbelnden Fußballfans wieder anrücken, muss kurz das Werkstor geschlossen werden.

Krakau, kurz vor Mitternacht: der Tuskbus parkt vor dem Hotel „Swing”.
Ein Grüppchen von Medienvertretern steht noch im Foyer herum, als der Politiker hereinkommt.

„Mehr Enthusiasmus” ruft Tusk den müden Journalisten zu und federt in den Aufzug.

Kurier, 04.10.2013, erweiterte Fassung
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