Jens Mattern Jens Mattern
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Geld pumpen hier und jetzt
Viele Polen leben auf Kredit, etwa zwei Millionen sind stark überschuldet. Porträt eines Abstiegs
Warschau "Nie hätte ich gedacht, dass ich mich mal zum Kaffee einladen lassen muss", sagt Tadeusz Bros gleich zur Begrüßung in einer zugigen Warschauer Kneipe. Er raucht "Fest", eine Zigarettenmarke, die er in der Straßenbahn-Unterführung bei russischen Schwarzmarkthändlern ersteht, er hat schütteres Haar und schlechte Zähne. Dass es mal ganz anders stand um Tadeusz Bros, darauf verweist seine blaue Jacke mit dem Aufdruck "TVP", dem Kürzel des polnischen Staatsfernsehens. Und ein Foto von ihm, das er über den Tisch reicht: Es zeigt einen selbstbewussten Mann Ende vierzig, der ein wenig an Max Schautzer erinnert. Bis zu zehn Millionen Menschen sahen diesen Tadeusz Bros zu bester Sendezeit. Er war Moderator der morgendlichen Kindersendung "Teleranek", leitete ein Format für die Jugend, zuletzt war er verantwortlicher Redakteur in der publizistischen Abteilung. Vor einigen Jahren kaufte er sich eine Wohnung, nahm dafür 50 000 Euro Schulden auf. Dann wurde er länger krank, zudem hatte die rechtskonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" 2006 das Staatsfernsehen übernommen und warf missliebige Redakteure hinaus. Bros hielt sich zwar für unpolitisch. Doch seine morgendliche Kindersendung habe die jungen Polen vom Kirchgang abgehalten, sei ihm von Kollegen gesteckt worden, erzählt er. Nach dem Rauswurf 2007 fand Tadeusz Bros keine Arbeit und lebte dennoch weiter auf der Überholspur, überzog Kreditkarten, konnte die Schuldzinsen nicht zahlen. Für Säumigkeiten verlangten die Banken bis zu 49 Prozent Strafgebühren. "Wenn Du nicht zahlst, wirst Du's bereuen" leuchtete es schließlich in roten Lettern aus den Mahnbriefen der Inkassofirmen. Er bereute längst, die Schulden waren auf 150000 Euro angewachsen. Er verdingte sich als Taxifahrer, Wachmann und im Callcenter, doch sein Umfeld glaubte ihm die Not nicht, sondern witterte versteckte Kameras. Seit August sucht er wieder Arbeit. Er hat Briefe von Gerichtsvollziehern, Stromanbietern und Inkassofirmen, die er auf dem Tisch ausbreitet: "Ich bin zu feige, sie aufzumachen" bekennt er. Bros ist der Promi-Fall einer Misere, für die es in Polen sonst kein Gesicht gibt. Knapp zwei Millionen Polen können inzwischen ihre Raten nicht mehr bezahlen, ermittelte kürzlich die Inkassofirma InfoMonitor - Tendenz steil ansteigend. Werbung wie für Schokoriegel Ein Blick auf die Werbung illustriert, wie locker das Geldausleihen in einem Land gehandhabt wird, in dem bereits die Hälfte der Bevölkerung auf Kredit lebt. In Fernsehspots werden Kredite wie Schokoriegel beworben. Die Namen der Angebote zielen meist auf schnelle Verfügbarkeit: "Hier und jetzt", "Eins, zwei" und "in 15 Minuten". An Verkehrsknoten größerer Städte drücken Studenten und Arbeitslose den Passanten neben Pizza-Angeboten Flyer für den unkomplizierten Geldverleih in die Hand. Auch vor den Bankgebäuden macht das Marktschreierische nicht halt. Banner in knalligen Farben an den Filialen locken zum scheinbar simplen Geldpumpen. Andrzej K., Eisenbahn-Mechaniker aus einer Provinzstadt im Osten von Warschau, gibt unter anderem dieser permanenten Verlockung Schuld an seiner Situation. Aber da sind auch seine Scheidung, der Unterhalt für den Sohn, der mit seiner Frau wegzog, die Kosten für den anderen Sohn, der bei ihm blieb. Seine zweite Frau, mit der er eine Firma gründen wollte, brannte mit dem Geld durch. Nun hat er 30000 Euro Schulden. "Auch viele meiner Arbeitskollegen haben hohe Schulden", sagt der Mechaniker. Die Löhne seien einfach zu niedrig. Seine Hoffnung setzt er auf einen Job in Deutschland, bis zur Arbeitsmarktöffnung im Mai 2011 kann er jedoch nicht mehr warten. Solche Menschen trifft Ija Maria Ostrowska, eine sympathische Frau mittleren Alters im Strickpullover vom "Ratgeber-Büro für Mitbürger" täglich. "Seit zwei Jahren, seit der Finanzkrise hat sich die Situation stark verändert", erklärt die Leiterin der nichtstaatlichen Hilfsorganisation in Warschau, in der kostenlose Beratung zu Finanzproblemen angeboten wird. "Seit zwei Jahren beginnt eine große Gruppe von Schuldnern Kredite aufzunehmen, um Kredite zurückzuzahlen." Die Krise hat Polen mit seinem Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent im vergangenen Jahr vergleichsweise nicht so stark getroffen. Doch in den strukturschwächeren Regionen schlossen einige Betriebe. Und Sparsamkeit ist keine Tugend in dem Land, das lange unter der Geldentwertung gelitten hatte. Mut zum Risiko, so lautet statt dessen die Devise. Die konservativ-liberale Regierung, die den Unternehmergeist fördert, zeigt bislang wenig Interesse an der Privatverschuldung, beklagt Ostrowska. Zur Zeit steht die Haushaltsmisere im Vordergrund: Eine Anfang Oktober aufgestellte Schuldenzähluhr in der Warschauer Innenstadt zeigt die fortschreitende öffentliche Verschuldung an. Das private Schuldenmachen aber zieht in der Zwischenzeit immer weitere Kreise. Zu den Neukunden gehören junge Leute nach dem 18. Geburtstag, die oft als einzige Familienangehörige im Schuldenmonitoring der Firmen noch nicht vermerkt und so kreditwürdig sind. Auch alte Leute werden von verschuldeten Enkeln oder Kindern zur Kreditaufnahme genutzt. Das "Ratgeber-Büro für Mitbürger" ist nach dem britischen nichtstaatlichen Citizen Advice Bureau ausgerichtet, Frau Ostrowska und ihre sieben hauptberuflichen Mitarbeiter wurden in Großbritannien geschult, wo schon seit Margret Thatchers Wirtschaftsreformen das Phänomen der Massenverschuldung bekannt ist. Allerdings können sie das Gelernte oft nicht umsetzen. Denn im Unterschied zum Vereinigten Königreich verweigern die Banken in Polen die Kommunikation mit Hilfsorganisationen. Da die Schuldner oft bei mehreren Banken in der Kreide stehen, will sich jede schnell den größten Anteil sichern. Der Schuldschein wird rasch an Inkasso-Firmen verkauft. Den polnischen Helfern bleibt nur die Vorbereitung der Schuldner auf die Kommunikation mit den Banken und eine Rechtsbehelfsbelehrung gegenüber den Inkasso-Firmen. Das kann schon viel sein. Mangelnde Erziehung "Allgemein fehlt in Polen die Erziehung, mit Geld umzugehen", resümiert Frau Ostrowska. Ausgerechnet die Inkasso-Firmen wollen sich hier engagieren. "Wie es ja schon einen Tag ohne Zigaretten' gibt, haben wir nun einen Tag ohne Schulden' ausgerufen", erklärt Grzegorz Kominski, Sprecher von Polens größter Inkasso-Firma namens "Kruk" (Rabe). Denn sind die Überschuldeten ruiniert und zahlungsunfähig, kann ihnen kein Geld mehr abgenommen werden. "Wir haben vor zwei Jahren unsere Strategie geändert", sagt Kominski. Früher drängte die Firma auf sofortige Rückzahlung, heute lasse man mit sich reden. Es wird soviel gezahlt, wie es eben geht. Für "Lebenslängliche", wie so hoch Verschuldete wie Tadeusz Bros genannt werden, kommen solche Kampagnen zu spät. Doch Bros sieht für sich noch eine Chance - er plant, dem polnischen Fernsehen ein neues Talkshow-Format anzubieten: "Fallstricke des Lebens". Als Moderator will er mit einem Gast dessen Lebensprobleme besprechen - und natürlich eigene Erfahrungen einbringen.

Berliner Zeitung, 14.10. 2010
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